|
Viola Rohner, *1962; wohnt in Zürich; Studium der Germanistik und Geschichte in Zürich und Berlin; Arbeit als Lehrerin; Prosa und Lyrik in verschiedenen Literaturzeitschriften, Zeitungen und Anthologien. Der Text «Liebe» ist ein Ausschnitt aus dem noch unveröffentlichten Roman «Das Buch».
Viola Rohner
Liebe
Die Liebe fällt, wo sie hinfällt, manchmal in einen Abgrund, der sehr groß ist. Und niemand hört ihr zu, wenn sie schreit und fällt und fällt und sich hernach die Knie aufschlägt.
Von Erwin jedenfalls war kein Mucks zu hören und nicht einmal ein Wimmern, als sich die schöne Maya aus seinem Gesichtsfeld verlor auf ihrem hohen Sitz auf- und niederwippend, das lange blonde Haar, ein Korbgeflecht, gemacht aus Sehnsüchten. Erwin will es greifen, die Hand hineinwühlen und streicheln. Erwin will mit Maya gar nicht vögeln, er will nur ihr Haar ganz nah an seinem Mund spüren, es lecken und saugen, das Haar aus Mayas Stirn blasen, es hoch aufsteigen sehen, im Wind durch die Luft, ein heller Schweif am Himmel, eine Art Weihnachtsstern, ein Glanz, der ganz und gar auch zu Erwin gehört. Denn Erwin möchte ein Licht sein, dem die Menschen blindlings folgen.
Daß Erwin gefallen ist, merkt Erwin erst im Sprachlabor wirklich, im Französischunterricht. Alle halten ihr dickes Lehrbuch geschlossen: On y va. Sie repetieren Sätze nach dem Gehör. Sie sprechen in ein Mikrophon, jede und jeder für sich allein. Il faut que nous choisissions. Il faut que je me réjouisse. Il faut que tu garantisses. Neben Erwin sitzt Kurt. Kurt bewegt die Lippen, die Augen hält er halb geschlossen. Niemand kann verstehen, was Kurt sagt. Auf seinem Buchdeckel steht Maya + Kurt. Mit dem Kugelschreiber fährt er den Wörtern nach. Einmal, zweimal, dreimal, zehnmal. Er malt ein Herz um die Namen und noch eins und noch eins. Kurt liebt Maya, Maya liebt Kurt. Wenn Maya Kurt nicht lieben würde, würde Kurt das niemals im Klassenzimmer schreiben, wo es alle sehen können, das weiß Erwin. Und jetzt erst fällt Erwin, und er fällt nicht nur ein paar Meter aus dem dritten Stock des Mietshauses, in dem Maya wohnt, er fällt gleich kilometerweise. Erwin fällt aus dem Himmel, zu dem er sich schon zugehörig sah. Und im Sturz verschlägt es Erwin die Sprache. In Erwins Mikrophon dringt nur noch Erwins Atem, kein Wort mehr, keine Silbe.
Aber nirgends fällt das Versagen der Sprache sosehr auf wie in einem Sprachlabor. Und Erwin hört die Stimme der Lehrerin: Qu'est-ce qui se passe, Erwin? Und Erwin, der seinen Platz im Sprachlabor für eine Sekunde mit dem Platz in einem Beichtstuhl verwechselt, antwortet ins Mikrophon: Maya liebt Kurt. Aber im nächsten Moment bereut er schon, daß er das gesagt hat, weil das alles doch die Lehrerin nichts angeht. Denn er will ihr Verständnis nicht und schon gar nicht mit ihr sprechen nach dem Unterricht. Mit niemandem will Erwin mehr sprechen. Er will allein mit seinem Schmerz sein, und nicht einmal allein will er irgendeinen Ton von sich geben. Ganz stumm und still will er sich die schmerzenden Knie reiben und auf die Zähne beißen und Fingernägel kauen. Nur unglücklicherweise hat die Lehrerin ihn fallen gesehen, dafür haßt er die Lehrerin jetzt, er will sie vernichten, weil Erwin die Liebe zwischen Maya und Kurt nicht vernichten wird können.
Jetzt hat Erwin das Opfer gefunden, an dem er seinen Frust auslassen kann.
Kurt aber darf Mayas Haar berühren, er darf auch daran lutschen und saugen, auch an Mayas Brüsten darf Kurt lecken und an Mayas Zunge, die immer nach Stimorol riecht. Kurt darf sogar die Hand in Mayas Hose stecken und mit dem Finger zwischen ihren Beinen reiben, die Maya für die Hand von Kurt ganz weit auseinanderspreizt. Maya liebt Kurt, aber seine Hand liebt Maya am meisten, denn seine Hand ist unschlagbar. Und Maya gibt Kurt auch ihre Hand, mit der sie auch zwischen seinen Beinen reibt, sie spürt sein hartes Glied unter seiner Jeanshose; sie ist sehr zärtlich mit ihm, aber sie packt es niemals aus, denn vor Kurts nacktem Glied hat Maya Angst. Sie sagt Kurt, daß es drinbleiben muß in seiner Unterhose, weil es so unkontrollierbar ist. Einen Moment nicht aufgepaßt, und plötzlich ist es in Maya drin. Und sie sagt: Stell dir vor Kurt, wir könnten ein Baby kriegen, wir sind doch erst vierzehn. Und deshalb bleibt Kurts Hose immer zu. Und wenn Maya wieder nachhause gegangen ist, muß Kurt zuerst immer seine Unterhosen wechseln und die nasse Unterhose heimlich in den Wäschekorb im Bad stecken, damit seine Mutter nichts merkt. Die Mutter kocht in der Küche das Abendbrot. Sie versteht nicht, warum Kurt, wenn Maya da ist, immer so laut Musik auf seinem Zimmer hören muß. Das ist doch unnötig, sagt sie.
Jetzt, wo es raus ist, hebt das Verhältnis mit Kurt den Wert von Maya sehr. Plötzlich trägt Maya den Stempel 18 Karat Gold. Den Stempel hat ihr Kurt aufgedrückt. Wie Maya es geschafft hat, den Kurtstempel aufgedrückt zu bekommen, ist ein Geheimnis, das sie nicht einmal mit Bibi, ihrer Freundin, teilt. Dabei wäre Bibi froh um jeden Tip, denn sie hat die Hoffnung auf einen Stempel schon beinahe aufgegeben. Und jeder Tag, der sie älter werden läßt, macht sie hoffnungsloser. Daß der Stempel von Maya auch ihren Wert hebt, merkt Bibi vorerst gar nicht, sosehr ist Bibi von ihrem Wertezerfall eingenommen, als blätterte täglich sichtbar Farbe von der alten, abgenutzten, unansehnlichen Bibi. So ein Bibi-Bild wird bald auf dem Flohmarkt für nur noch zwei Franken verramscht werden. Da muß Bibi wirklich langsam die Notbremse ziehen und mit künstlichen Hilfsmitteln ihren Wert steigern: Sie zupft ihre Augenbrauen zu einem dünnen Strich, umrandet die Augen mit einem schwarzen Kajalstift und benützt glänzende Lippenpomade. Die neue Bibi muß jedem auffallen. Aber nur einer greift tatsächlich zu und macht Gebrauch vom Angebot. Felix heißt der Glückliche, der mit null Erfahrung mutig ins Geschäft einsteigt. Er geht bereits in die dritte Klasse und sendet Bibi von dort via Denise einen Brief, in dem er sie anfragt, ob sie mit ihm gehen möchte, und falls ja, er sie am Freitag nach der Schule beim Brunnen auf dem Pausenplatz erwarte.
Bibi fragt sich wieder einmal mehr, ob es in Sachen Liebeserklärung tatsächlich noch etwas Langweiligeres als diese Art von Briefen geben könne und seufzt schwer und immer wieder aus tiefster Brust.
Die hochwertig gestempelte Maya empfiehlt das Treffen jedoch trotzdem. Sie meint, ewig kann die Unberührtheit von Bibi ja nicht andauern, und denkt dabei an die Berührungen von Kurt. Bibi denkt an ihr Alter. Die neue-alte Bibi ist ja bereits vierzehn, und noch nie hat ein Junge noch nicht einmal seine Zunge in ihren Mund gesteckt. Also geht sie zum Brunnen.
Und so häßlich und picklig, wie Bibi diesen Felix von irgendeinem Sportturnier her in Erinnerung hat, ist er gar nicht, zudem trägt er eine flotte Jeansjacke und legt gleich zu Beginn seinen Arm um Bibis Schultern, was Bibi sofort unter Strom setzt. Felix ist entschlossen, die wichtigen Punkte sofort hinter sich zu bringen. Zu den wichtigen Punkten gehört der Arm und das Küssen. Jetzt fehlt ihm nur noch das Küssen. Er will es bereits hinter dem Schulhaus im nahegelegenen Wäldchen in Angriff nehmen. Er will Bibi zuerst die Augen zuküssen und dann seine Zunge in ihren glänzenden Mund stecken und da mit der Zunge langsam herumfahren, genau wie Frank, sein Klassenkamerad, ihm geraten hat. Zudem will er seine Hände auf Bibis Rücken legen und sie dort hin- und herbewegen. Nur daß Felix es mit der leibhaftigen Bibi zu tun hat, vergißt Felix fast ganz, so aufgeregt ist er und so sehr auf die wichtigen Punkte konzentriert, daß er die wichtigen Punkte am leibhaftigen Bibi-Körper fast nicht findet. Dabei streckt ihm Bibi doch alles Wichtige bereitwillig entgegen. Sie ist ein Sonderangebot. Ihre Qualität übersteigt ihren Preis bei weitem. Aber Felix hat kein Auge dafür, weil er sich so sehr auf seine Zunge konzentrieren muß, daß sie den richtigen Weg findet. Wie eine Wünschelrute streckt Felix sie aus seinem Mund und in den Wind. Da ergreift die arme Bibi endlich die Flucht. Ihre Geduld ist am Ende. Sie hat in diesem Drama wirklich schon genug Größe gezeigt.
Von Felix wird sie nie mehr eines einzigen Blickes gewürdigt. Der Kurtstempel von Maya verhilft Bibi jedoch bald zu besseren Partien, Partien, von denen sie nie zu träumen gewagt hätte. (Etwa die Partie mit dem großen Phillip, der bereits schon mit einem Mädchen vom Bahnhof zusammen war.) Und Felix verliebt sich in ein Mädchen, das er bei den Pfadfindern kennengelernt hat und den Namen Maulwurf trägt. In einem anderen Zusammenhang hören wir noch von ihr.
|
|
|


|