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Jürg Amann, *1947 in Winterthur; Dr. phil.; Literaturkritiker und Dramaturg; seit 1976 freier Schriftsteller; lebt in Zürich. Viele Preise, u.a Ingeborg-Bachmann-Preis 1982; Prosa, Theaterstücke, Hörspiele, Lyrik, Essay. Letzte Veröffentlichungen: «Schöne Aussicht», Haymon, 1997; «Iphigenie oder Operation Meereswind», Eremiten-Presse, 1998; «Ikarus», Roman. Arche-Verlag, Zürich/Hamburg 1998.
Jürg Amann
Der Liebesruhende
Ich lag hinter ihr, an ihren Rücken geschmiegt, tief in ihr drin, und sah über ihre Schulter hinweg auf den kleinen Balkon hinaus und hinter dem Balkongeländer auf den Bahnhof und auf die Stadt. Wir sprachen leise. Wir wollten nicht gehört werden in den angrenzenden Zimmern.
Wir hörten Musik. Manchmal bewegte ich mich ein wenig in ihr. Auf dem Flur ging eine Tür auf oder zu. Während draußen die Züge einliefen und ausfuhren, abwechslungsweise, und sich entluden und füllten. Die Brems- und die Anfahrgeräusche drangen durch die Scheiben zu uns herein, das Zischen und Schlagen der sich öffnenden und schließenden Türen. Der zunehmende? Mond hatte schon am Nachmittag über der nassen Silhouette der Stadt gestanden, nun, in der heraufwachsenden Nacht, vergoß er sein stillmachendes Licht über die Regenhaut der Dächer, über die Eisenhaut der Züge und der Geleise, über unsere müde gewordene Menschenhaut.
Der Perlentaucher
Wir waren, nach dem ersten Zusamenprall, zu Boden geglitten und wühlten dort ineinander, als hätten wir etwas verloren und könnten es nicht mehr finden, wüßten auch nicht genau, wer was bei wem verloren hatte. War es hier oder dort oder da? In dieser Rockfalte, in dieser Armbeuge, in diesem Büschel Haar? Oder doch nicht? Eine Perle, eine Träne, ein Schweißtropfen, ein Tropfen Blut? Oder nichts? Und wir hatten uns also getäuscht? Allmählich ließen wir in unseren Bemühungen nach. Wir wurden ruhig. Wir gaben die Suche auf.
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