entwürfe - Zeitschrift für Literatur
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Peter K. Wehrli, geb. 1939; Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift «orte»; Vizepräsident des Eurobrasilianischen Kulturzentrums «Julia Mann» in Paraty, Brasilien. Der «Katalog von Allem» wird im Herbst 1999 im Albrecht Knaus Verlag in München erscheinen.

 

 

Peter K. Wehrli
Erinnerungen an die Erinnerung
Dreizehn Eintragungen aus dem «Katalog von Allem»

 

1. das Plusquamperfekt

Gegenwart, Vergangenheit, Perfekt und Plusquamperfekt, die Zeitformen, die ich jetzt beim Wiederlesen der Katalognummern dieses «Katalogs von Allem» aufmerksam kontrolliere, weil dies nun häufig noch der einzige Anhaltspunkt ist, um herausfinden zu können, ob ich eine Beobachtung während oder erst nach Abschluß des beobachteten Ereignisses notiert habe, ob ich sie also mit der Realität mitgeschrieben habe oder erst mit der Erinnerung an sie.

2. die Fremde

das aufkeimende Gefühl, jetzt endgültig in der Fremde zu sein beim Blick auf die von mattem dunkelgelbem Lichtschein aufgefurchte Fassade des Bahnhofes von Meidan-Ekbes jenseits der Grenze, weil die Plakate neben dem Kiosk in Buchstaben gedruckt sind, die ich nicht lesen kann, weil deren Form mich an keinen Laut mehr erinnert und die mir eigentlich nur deshalb wie Buchstaben vorkommen, weil ich weiß, daß es Buchstaben sind.

3. die Gedächtnisübung

die trotz vieler Gedächtnisübungen nicht wiedererlangte Fähigkeit, die Bahnhöfe von Hama und Homs auseinanderzuhalten: in der Erinnerung wachsen darum die Städte ineinander hinein, dieselbe sonnengefärbte Flachdächerstaffelung; einzig die aus rohen Stämmen und Ästen gezimmerten Wasserräder am Orontes, die weithin sichtbar über die Dächer ragen, und ihr sogar das Eisenbahnrädergeratter überächzendes Quietschen sind für mich Hama, aber Homs bleibt ein Name, der sich nur in zwei Buchstaben von Hama unterscheidet.

4. die Stiefel

die Stiefel der folternden Soldaten, von denen Geraldine Chaplin in ihrer Rolle der Maria im Film «Los ojos vendados» sprach, diese trockenen Sätze von den Stiefeln, die so hämmernd wirken, daß ich plötzlich die Stiefel eines jungen chilenischen Soldaten vor mir sehe,

4a. und der bohrende Schrecken darüber, daß die zerknitterten Stiefel, die ich jetzt in Großaufnahme vor meinen Augen sehe, die Stiefel jenes jungen Soldaten sind, der mich am 7. Dezember 1974, kurz nach Pinochets Putsch gegen Allende, in Punta Arenas, auf meinem Spaziergang an den Ufern der Magellanstraße, verhaftet hatte,

4b. und die Nervosität, die meinen Körper zu schütteln begann, als dieser Soldat, während er mich mit dem Sturmgewehr vor sich hertrieb, zu mir sagte: «Sie sind verdächtig nervös»,

4c. und der entsetzliche, immer wieder schneidend wiederholte Ruf dieses Schnösels mit seinem geladenen Gewehr, diese vier hingebellten Worte, mit denen er jeden meiner erklärenden Sätze abblockte: «No le creo nunca! No le creo nunca! No le creo nunca!»,

4d. und die wie Stiche in mein Ohr mich schmerzenden Rufe des Soldaten, der, selbst während ich von einem Hauptmann in der Kaserne von Punta Arenas verhört wurde, auf jede meiner Antworten in den kargen Saal schrie: «No le creo nunca! No le creo nunca!»

4e. und die Mattigkeit in meinen Gliedern, diese physische Äußerung von Resignation, die war, als ob mir die Knochen aus Armen und Beinen herausoperiert worden wären, diese Schlaffheit, die mich überfiel, weil ich während des Verhörs immer wieder die Gerüchte in meinem Schädel aufbrausen hörte über die Geschehnisse im Stadion von Santiago,

4f. und das angsteinflößende Lächeln, mit dem der Hauptmann meine Erklärung wegwischte, als ich ihm auf die Frage, was ich denn hier zu suchen hätte, ganz ehrlich und einfach antwortete: «Ich wollte die Wasser der Magellanstraße sehen»,

4g. und die leichte Verwunderung, die mich deshalb beschlich, weil ich jetzt plötzlich nicht mehr gegen die Stimme des Soldaten mit dem Gewehr in der Ecke ansprechen mußte, denn dieser Soldat schrie diesmal sein «No le creo nunca!», erst als ich den Satz zu Ende gesagt hatte,

4h. und das Schild, an dem ich vorbeigeführt wurde, das die Militärs nach dem blutigen Ende von Salvador Allendes dreijähriger Amtszeit - neben den Bildern der «meistgesuchten Revolutionäre Jaime Carvetes und Antonia Fuchslocher» - an der Holzwand im Korridor angebracht haben: «Beeilen wir uns! Wir sind drei Jahre im Rückstand!»,

4i. und die, erst nach meiner Freilassung, von Jaime Vogel vernommene Erklärung, daß mein Spaziergang am Ufer der Magellanstraße deshalb so verhängnisvoll endete, weil die Insel, die ich vom Ufer aus beobachtet hatte, die Insel Dawson ist, auf der die Konzentrationslager für Allende-Anhänger stehen,

4k. und die frostige Stimmung über der selbst nachts nur dämmrigen Straße vor unserem Fenster, die der Beginn des Ausgehverbots in eine Geisterlandschaft verwandelt hatte, diese bleierne Stimmung, die genau in jenem Moment von einer über die öde Straße huschenden Katze bewegt worden war, als Theo und ich uns nach meiner Freilassung - in die Bedeutung der Worte verschleierndem Deutsch - «Es lebe Allende!» zusprachen,

4l. und mein desillusioniertes, Augenblicke nach der Erinnerungsrassel einsetzendes Registrieren, daß alle diese Erinnerungen in jenem Augenblick ausgeklinkt worden sind, als Geraldine Chaplin von den Stiefeln des folternden Soldaten sprach,

4m. und mein neugieriger Wunsch, endlich einmal austesten zu können, ob bestimmte Erinnerungen auch von etwas Gegensätzlichem ausgelöst werden könnten.

5. das Ineinander

die langsamen, weitausholenden Schläge, mit denen Leutnant Marlowe in Coppolas «Apocalypse now» drinnen im Tempel den Hauptmann Kurtz erschlägt, und die langsamen weitausholenden Schläge, mit denen draußen einem Opferstier der Kopf abgeschlagen wird, dieses Schlag um Schlag und Schnitt um Schnitt verschränkte Ineinander von Fiktion und Realität, das mich erschaudern läßt, weil ich weiß, daß Marlon Brando die Rolle des Hauptmann Kurtz s p i e l t e , der Stier aber nach Drehschluß nicht mehr aufgestanden ist, wie es Marlon Brando tat,

5a. und mein Erinnern, daß sich diese Art von schaudernder Verwirrung bisher jedesmal einstellte, wenn - im Theater oder in einem Happening - reales Geschehen, besonders wenn es endgültig ist, in die gespielte Handlung hereingeholt wird und umgekehrt,

5b. und das Befremden ob der Tatsache, daß der Darsteller des König Johann zwar wirklich aus einem Glase trinkt, aber nicht wirklich stirbt, weil er das Trinken - im Gegensatz zum Sterben - nicht spielt.

6. die Folterung

die von der Lektüre der Meldung in der Zeitung «Le Monde» vom 30. Mai 1970 ausgelöste Erinnerung an die beinahe schon vergessenen angenehmen Abende mit einem jungen brasilianischen Musiker und mit Walter Lima jr. in den Bars von Pesaro im September 1969,

6a. und das Entsetzen, das die Erinnerung immer plastischer, körperlicher werden läßt, das Eine quälend im Andern, je öfter ich die Nachricht lese, - da ist die Erinnerung, die so leibhaftig wird, daß ich mich an die runden Kaffeehaustischchen vor der Bar in Pesaro versetzen kann, und da ist das schmerzende Entsetzen, das diese immer heftiger werdende Erinnerung durchwuchert, weil die Meldung in «Le Monde» wörtlich lautet: «Es gibt keine Nachricht über Walter Lima jr., den bekannten brasilianischen Filmregisseur. Er wurde am 18. Mai in seiner Wohnung von der Polizei verhaftet. Die Verantwortlichen haben jede Erklärung zu dieser Verhaftung abgelehnt. Nicht einmal die Frau von Walter Lima jr. kennt den Ort seiner Haft. Alle Anstrengungen, die die Familie unternahm, um Auskunft zu erhalten, blieben erfolglos. Man befürchtet, daß Walter Lima jr. Folterungen ausgesetzt und dabei getötet worden ist»,

6b. und die Erleichterung, die mich vierzehn Jahre später am Festival von Cannes beim Anblick der Kinoreklamen in lockernde Euphorie versetzte, weil da ein Filmplakat den neuesten Film des Regisseurs Walter Lima jr. ankündigte mit dem Titel «Inocencia»,

6c. und dieser schöne und poetische Film, den ich deshalb schöner und poetischer erlebte, weil er für mich nach so vielen Jahren der erste Hinweis dafür war, daß Walter Lima jr. bei seiner Verhaftung und Folterung vor vierzehn Jahren nicht getötet worden ist.

7. die Fälschung

die Fälschung, als die mir die Eintragung um die in Nr.6 notierte Folterung und Tötung des Walter Lima jr. allein schon der verwendeten Zeitformen wegen erscheinen will, weil sie sich liest, als hätte ich die Meldung in «Le Monde» vom 30. Mai 1970 tatsächlich auch 1970 gelesen und dann in der Katalognummer 6 die Erinnerung an die acht Monate vorher erfolgte Begegnung mit Walter Lima jr. in den Bars von Pesaro beschrieben, was deshalb eine Fälschung ist, weil ich den Text in «Le Monde» von 1970 erst am 22. November 1988 gelesen habe und er mich nicht an Pesaro, sondern an den Film «Inocencia» in Cannes, 1984, erinnert hat, dessen Bilder wiederum die Erinnerung an die Begegnung in Pesaro ausgelöst haben,

7a. wobei ich jetzt, wo ich den Ablauf der Erinnerungen und ihr Ineinandergreifen wie in einer Kettenreaktion zu protokollieren versuche, zugeben muß, daß es eigentlich und vielleicht doch auch anders gewesen sein könnte, daß also die Lektüre des Artikels in «Le Monde» vom 30. Mai 1970 im November 1988 zuerst das Andenken an die Begegnung in Pesaro von 1969 ausgelöst haben könnte und sich daran dann die Erinnerung an die Bilder des Filmes «Inocencia» in Cannes, 1984, entzündet hat,

7b. und dieses Durcheinanderfallen durch alle Erinnerungsebenen hindurch, das sich jedem ordnenden Zugriff entwindet, der allein jenen schönen und entspannten Zustand herbeiführen kann, in dem es möglich wird, Herr über seine Erinnerungen zu sein, - und wäre ich es, diese Eintragung würde einen andern Titel tragen als «die Fälschung».

8. die Vergrößerung

dieses ldol, in das der Jubel um ihn den Musiker im Scheinwerferlicht des Stadions von Fortaleza im Januar 1986 verwandelt, diese durch frenetisch demonstrierte Verehrung der Massen hervorgerufene Vergrößerung des Mannes auf der Bühne, die es plötzlich schwer macht, mir einzugestehen, daß dieser überlebensgroß gewordene Star tatsächlich jener junge Musiker war, mit dem ich im September 1969 - wie es Katalognummer 6 berichtet - in Begleitung von Walter Lima jr. durch die Bars von Pesaro gezogen war, und von dem ich erst beim Abschied, als er mir seine Londoner Adresse in mein Notizbuch schrieb, erfahren hatte, daß er Gilberto Gil heißt.

9. das Erschrecken

die vielen bereits erlebten Formen von Erschrecken, die ich wie Punkte einer Inventarliste in meinem Erinnerungsvorrat abrufen mußte, bis ich guten Gewissens den Satz aufschreiben konnte: «Ich habe noch nie einen Mann augenfälliger erschrecken gesehen, als den einsamen Fußgänger in Mindelo, nachts um halb drei, an der Ecke von ‹Avenue der afrikanischen Einheit› und ‹Boulevard Che Guevara›, als ich im Vorbeigehen zu ihm sagte ‹Gute Nacht!›

10. die Erfahrung

die Hartnäckigkeit, mit der ich jetzt, siebzehn Jahre später, die Erfahrungen, die ich am 3. Januar 1975 gemacht hatte, in meine Erinnerung zurückzuholen versuche, was mir - der besagten Hartnäckigkeit zum Trotz - nicht gelingen will und mir deshalb keine Einsicht gibt in die Art der Erfahrung, die mich an jenem Tag veranlaßt hat, den eigenartigen Satz ins Notizbuch zu schreiben: «Manche sind nicht immer weniger als viele»,

10a. und die aus diesem hartnäckigen Bemühen unverhofft resultierende Einsicht, wie häufig es mir nicht gelingt, eine gemachte Erfahrung an Rara weiterzugeben, sondern nur die Erinnerung an sie.

11. der Blickwinkel

der Mann, der am 3. März 1992 um 18 Uhr 54 in der Cafeteria des Museums Rietberg ein Glas Apfelsaft trank und mich während der ganzen Dauer seiner Anwesenheit aufs tiefste beunruhigte, weil er mich in Gehabe, Pulloverfarbe, Haarschnitt, Brillenmodell, Mimik, in der Art, wie er den Kopf seiner Begleiterin zuwandte, wenn er sich angesprochen fühlte, in der Stellung der Zähne, in der Unmittelbarkeit, den Arm zu heben, bevor er sich in den Haaren kratzte, in der Augenfarbe und in der Form des leicht nach unten gebogenen Schnurrbartes an den eigentlich doch verstorbenen Richard Brautigan erinnerte, so sehr, daß ich ihn nicht mehr anzuschauen wagte - weil ich glaubte, er spüre meinen entgeisterten Blick - und an all die bedauerten Erfahrungen, die der Dichter mir in Zürich verschafft hat,

11a. und die Erleichterung, die fast schon Trost sein wollte, daß sich beim Aufstehen aus dem weißen Strohsessel unversehens ein Blickwinkel ergab, aus dem der Mann für Augenblicke nicht wie Richard Brautigan aussah.

12. der Äquator

das Abenteuer der Begegnung mit Albertino Bragança auf dem Äquator, das mir bevorstand, und meine verstörende Einsicht, daß ich mich weniger auf dieses Abenteuer freute, als vielmehr auf die künftige Erinnerung daran.

13. die Poesie

das Entsetzen, das mich peinigt, ob der heftig steigenden Zahl der Dinge, die ich bereits vergessen habe, und der Trost, daß ich wenigstens alle jene Dinge nicht vergessen kann, die mir Poesie geworden sind.

Entwürfe 18 - Erinnerung

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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