entwürfe - Zeitschrift für Literatur
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Erica Pedretti, *1930, arbeitet als Bildhauerin und Schriftstellerin.
Letzte Veröffentlichungen: «Engste Heimat» 1995, «Kuckuckskind oder was ich ihr unbedingt noch sagen wollte»; zur Zeit Arbeit am dritten Band einer Trilogie.

 

Erica Pedretti

Als wär das ein Satz von ihr

Ich erinnere mich an eine, die liegt im Bett, abgeschottet von der Außenwelt, es sei denn, sie stünde auf und ginge ans Fenster, um hinauszuschauen, doch dazu hat sie immer seltener Lust, dazu ist sie meist zu müde. Es gibt für sie keine Tätigkeiten mehr, außer dem Lesen. Für sie ist Lesen keine Tätigkeit. Und hat doch, daran erinnere ich mich, daran erinnert auch sie sich, ein Leben lang gelesen, wann immer sie konnte, heimlich, das heißt, wann immer sie sich unbeobachtet wußte, hat sie gelesen, erinnert sie sich, hat Teile ihres Lebens, vor allem dann, wenn es schwierig, unangenehm oder gar unerträglich wurde, lesend verbracht, ist mit Dostojewski nach Rußland, mit Dickens nach London verreist und hat sich so möglichst weit vom Unerträglichen entfernt. Ich sehe sie lesend auf dem Bett liegen, so wie ich als Kind meine Mutter lesend ertappt habe, und so wie ich selber später dann lesend, Dickens oder die Russen lesend mich verdrückt, von allzu Unangenehmem so weit wie möglich entfernt habe. Habe ich ihren Platz eingenommen, werde ich ihr immer ähnlicher? Sehr früh schon süchtig, lesesüchtig wie ich, und älter geworden wie ich, weiterhin lesend, ist sie, die ich auf dem Bett lesend beobachte, nun schon sehr alt, und so wurde, da sie nichts anderes mehr erlebt als das, was sie liest, das Lesen ihr Lebensinhalt. Jetzt liest sie kaum mehr Neues, blättert in den Büchern, die ich ihr bringe, vom Anfang zum Ende, oder umgekehrt, vielleicht liest sie mal einen einzelnen Satz, vielleicht liest sie ihn laut: Stiller Frieden ist uns die schönste Musik; unser Leben ist schwer, wir können uns, auch wenn wir einmal alle Tagessorgen abzuschütteln versucht haben, nicht mehr zu solchen, unserem sonstigen Leben so fernen Dingen erheben, wie es die Musik ist. Aber was soll das, sollte man denn nicht, zum Teil zumindest, kennen, wovon man liest, das Drum und Dran, die Umstände kennen, um wenigstens teilweise zu verstehen, was man liest, es lesend wiederzuerkennen? Nein, bitte nichts Neues, sie liest lieber ihre alten Bücher, deren Inhalt sie nicht mehr so genau erinnert, von neuem. Alles verschwimmt. Noch ein wenig mehr und man ist blind. Es sitzt im Kopf. Er tut nicht mehr mit, er sagt: ich tue nicht mehr mit. Und so viel Zeit, alle ihre lieben Bücher nochmals zu lesen, hat sie gar nicht mehr.

Ich sage sie, ich schreibe hier sie, aber wer ist sie denn? Nein, es ist nicht meine lesende Mutter, und meine Tante, der sie in vielem gleicht, ist sie auch nicht. Die hat nicht gelesen; oder doch, sie hat wahrscheinlich, aus lauter Liebe, alles, was ich geschrieben habe, gelesen, aber sonst nur sehr wenig.

Oder ist es die liebe alte Freundin, die den Handke so verehrte, eine sterbende Emigrantin auf ihrem New Yorker Bett, kaum mehr als ein zarter Hauch und das Einatmen von Luft. Die Decke ist von ihren nackten, zu Stecken abgemagerten Beinen und einem aufgeblähten Bauch gerutscht, unter den alten Ansichten von Prag wimmert ein Fernseher ein unverständliches Programm, eingestellt von ihrer unverständlich auf sie einredenden insulanischen Pflegerin. Bin ich zu spät gekommen? Stundenlang sitze ich da, halte ihre knochige Hand, stehe hie und da auf und gehe ans Fenster, um auf Kamine und runde schwarze Wasserreservoirs hinauszuschauen und setze mich wieder ans Bett, drücke ihre Hand, bis sie mich wiedererkennt, verwundert, erfreut, und nach stockendem Austausch gemeinsamer Erinnerungen, sonderbar, daß man sich erinnert, man habe sich einer Sache erinnern wollen, aber dieser doch nicht mehr sich erinnert, das Artikulieren fällt ihr sehr schwer: Ich fange immer von vorne an, dumm zu sein, und fragt: gibt es was Neues vom Handke?

In Erinnerung an sie, oder an die Mutter, oder an die Tante? setz ich mich hin, um zu schreiben, und während ich mich schreibend zu erinnern versuche, das heißt, die eine und die beiden anderen vor mir auf dem Bett liegen sehe, Peter Handke oder Dickens oder Dostojewski lesend, scheint die Frühlingssonne durch die feinen, noch unbelaubten Birkenäste. Ah! Der Baum. Der Baum? Erinnerst du dich nicht? Ich bin müde. Schau ihn dir an. Ich sehe nichts. Gestern abend war er noch schwarz und kahl wie ein Skelett, und jetzt strahlt die Sonne hindurch, fällt auf die rotkarierte leichte Decke und wärmt deine Füße. Die Füße einer anderen, denn vor mir liegt eine andere. Wenn ein Mensch einen Tag lang liest und studiert: welche Welten, welche umfassende Ideen, die die Gegenwart verkleinern, ziehen vorüber, wie groß wird ihm das Universum und wie klein die Erde. Komisch, das liest eine andere, da liegt eine Neue, an die ich mich so eigentlich gar nicht erinnern kann, und liest auch Neues und anderes: Die Poesie ist die Aussicht aus dem Krankenzimmer des Lebens. Sonst hat sie keine Aussichten, es passiert nichts Neues mehr. Und beim Lesen fällt ihr etwas Eigenes ein: Meine Liebe läßt sich nicht in einer Ehe ausdrücken. Tue ich es, ist sie zerschmettert. Als wär das ein Satz von mir. Stück für Stück stellt sich die Erinnerung ein: Wer will, kann in 1 Jahr 10 Jahre älter werden. Und wie sie da auf ihrem Bett liegt, die Füße unter der von der Sonne beschienenen karierten Decke, mal das Buch vor Augen, dann läßt sie es wieder sinken, Denken ist nicht das Schlimmste, taucht stückweis ihr Leben auf.

Und wie mir beim Lesen von weiß Gott wem, Jean Paul, Kafka oder Beckett, Szene um Szene sich ihr Leben einstellt, wundert mich nun selber, wer diese Leserin überhaupt ist, die ich vor mir liegen sehe, mich wundert, wie die nun bald 90jährige fühlt und denkt. Was denkt und fühlt sie, wenn sie liest?

Um das herauszufinden, bleibt mir nichts anderes übrig, als geduldig auf Neues und vielleicht Überraschendes wartend weiterzuschreiben. Oder ich bleibe liegen und lese.

Entwürfe 18 - Erinnerung

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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