entwürfe - Zeitschrift für Literatur
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Robert Schindel, *1944. Lebt als freier Schriftsteller in Wien. Buchpubli kationen (u.a.): «Die Nacht der Harlekine». Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1994; «Gott schütz uns vor den guten Menschen. Jüdisches Gedächtnis - Auskunftsbüro der Angst». Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1995; «Die Nacht der
Harlekine». Erzählungen. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1997.

 

 

Robert Schindel
Dreiundzwanzig Jahre
Eine Chronik nach R. Hilberg

1

Im windverwehten Planquadrat Galizien

Aus dem Dorfe Nimmermehr trieben die Herren

Die Juden raus und zu dem Waldesrand

Dort die die Gruben selber ausgehoben hatten

In die man sie zu Hauf und Tod geschossen

Stand ein Soldat als da das Judenvolk

Sich ausziehn mußt um dann an ihm vorbei

Sich brav an Mammas und an Pappas Leiche

Darüber hinzulegen damit ers erschoß und andre

Kam eine mit halblangen blonden Haaren

An dem Soldat vorüber sah ihn an und dann

Begann sie mit den beiden schlanken Armen

Auf sich zu weisen schwungvoll zeigte sie

An sich herunter dem Soldaten ihren nackten Körper

Und sagte: Dreiundzwanzig Jahre

 

 

2

Es blies ein bißchen Wind am Kopfhaar sah es

Der wenig ältere Soldat der Wehrmacht sogar das Schamhaar

Flirrte und dann schoß er sie in Bauch

 

 

3

Heut ist der Mann uralt und um ihn die Familie groß

Und stirbt so bald. Von allen Zahlen weiß er gut

Die Dreiundzwanzig denn die Enkelzahl

Brachte ihm nach wahrlich

Arbeitsamem Leben milden Winter

1

Inmitten des Karstes und Leichen liegen auf ihm

Blutpfützen da und dort ein blasser Himmel und drunten

Baumgruppen ein See mit gekräuseltem Wasser inmitten

Des Steins südöstlicher Geschichte zusammengekauert

Mit Ohren als wär es schwankendes Schilf eine

Gruppe von Wörtern mit Augen aus Objektiven

Hockt in den Mulden des Karstes auf den Höhen

Sieht in zerschossnes Gehöft diese Gruppe hört auf

In der Gegend zusammengebuckelt still zu halten

Sondern erhebt sich fährt aus was an Triebkraft

Ihr Flügel verleiht und flattert und fliegt und entfernt sich

Von den Blutmeeren als die sie da schweigen und

Infizieren rundum alles mit Stille entfliegt

Den Jammertalen den gepanzerten Bergnasen

Gewinnt an Höhe an Breite verliert im Fluge

Die Schatten der Gegend und schlüpft in unsern Gehörgang

2

Ich melde dies war er besoffen das sah ich mit den

Gebe ich zu eignen herausgewälzten Augen vorne ein Mädchen

Dazwischen ein Greis Srebenica meine Liebste von vorne

Bückt sich dein Gebihatschter samt seinem Goratsch zum Ende

Kannitverstan! Meld er verständlich den Greuelfakt

Herauf in unsere Kästen wen interessierts daß du da

Irgendeine Srebenica gefickt was ist mit den Messern

Im Maul der einen der andern der einen ists wahr dann ists wahr

 

 

3

Über den zentralen Alpen trennen sich die Wörter von sich

Verlassen die Kavalkade nesseln herunter verschwinden

In den Computern kommen aus diesen durchrastern die Bilder

Und Schilf wiegt sich zu Minen Markt zu Massakern die

Wörter stoßen vom Gehörgang zum Zungengrund von dort

Neue Wörter aus jenen und der Kontinent plappert

Die Gegend zu dort frühere Bauern und Ärztinnen

Einstige Kinder und Soldaten ein stilles Equipment ergeben

 

Keinerlei genug im Abschiedsgraben

Von dort heraus der Dampf der Dunge

Jederzeit zuviel, wir haben

Abschnitte in Herz und Lunge

Wirft sich das Walderne auf den Berg

Sickert das Steinerne ins Gegras

Sichelt das Maulwürfige die Erd

Blubbert in Herzlunge dies und das

Untendurch geschweift das Totgeborene

Himmelwärts die Hinternrhapsodie

Dämmerlängs geerntet das Verlorene

Keinerlei genug das vom Leib geschorene

Jederzeit zuviel das Immer und Nie

Von Abschnitt zu Querschnitt geknickt die Knie

 

 

Als Namenlose grüßen Personen

Den vom Gefühl Abgeschnittnen

Die Grüße kommen an als hallerner

Vorschuß von Tod

Als Vorschuß von Tod kommt

Der vom Gefühl Abgeschnittne

Er grüßt die Personen

Von heute nach einst

Natur wuchert blöd in der Person

Die vom Gefühl abgeschnitten

Im Gefühl für sich

Grüßt sich die Welt.

Auf die Dubrücke prasseln die Namen

 

 

Alltag im Sinnen. Täglich das Öffnen

Der Augen. Abgestanden das Morgenlicht

Hervorgeschupft die Hoden vornübergebückt

Der senkrechte Körper, neu aber

Der herausstürzende Bauch, so duscht sichs

Daweil, was vor dem Auge liegt, hereinkommt.

Schon wieder hat in Bosnien mancher seinen Darm im Arm

Schon wieder fließt der Regen statt ins Erdreich

Ganzen Familien in den Schlund

Schon wieder kommt die Krankheit aus dem Mittelalter

Tafelt mit jungem Aids altneue Menschen, Trommelwirbel

Und Videoclip in einem schon wieder

Ruft die Nation die Lebenden ins Grab.

Alltag im Sinnen, wunderlich der Blick

Ein Liedlein von den Lippen, angezogen

Geht ein Körperchen die Straße quer und längs

Das Hodenpaar wie immer seelenruhig im Schritt

Im Himmel kräuselt sich der Alltagstraum

Durchzieht als Cumulus die Vormittage

Noch immer küssen meine Lippen deine Lippen

Noch immer unsre Zukunft unser Liebesalphabet

Noch immer diese Zeilen die den frühren folgen

Noch immer klebe ich an meinem Namen fest

Schon wieder geht wer schlafen mit Noch immer

Noch immer träumt er den Schon wieder Traum

Alltag im Sinnen und des Nachts das Schließen

Der Augendeckel. Abgelegen dämmert es zu Tag

 

 

Für Georg Hofmann-Ostenhof

Während mich der Schlaf übermannt denke ich zerfahren

Über die Stimmen nach die den südslawischen Wirren

Nun ein Echo sind im Halbschlaf seh ich

Als wär ich dabei das Einreiten der Ustaschaflagge

In den Gehöften der Krajina das ununterbrochene

Beschieße Ostslawoniens die Arme von Vukovar die Toten und

Den Filmer Niki Vogel niedergestreckt am

Süßen Flugfeld der nördlichen Stadt Ljubljana

 

Die nach Liebe klingt Falter umrunden die Leselampe

Daweil die Bosnier in Srebenica längst ins Grab geschossen und

Murmele Selbstbestimmungsrechte der Völker Tschetschenen

Krajinageserbe Moslime Deutschtyrol im Süden was ist mit Erdberg

Am Weltkanal das Blut füllt meine Augendeckel Ignorant und

Nörgler

Begutachten Bombardierungen der Weißen Stadt es ist als

Ob Serbien zu sterbien hat jeder Schuß ein Ruß die Bauchatmung

Die ich bei mir beobachte hier macht sie mich lachen

In der wiener Bettstatt nun prügeln sie aus ihren Redaktionen

Ihren Wirtshäusern auf den Dichter H. ein weil der ein Trauernder des

Gesamtstaates gerechte Berichterstattung sich wünschte einen

Greueltatbestand und aber bevor ich die Augen

Zuklappen kann torkelt Herr Joseph R. oder so ähnlich über

Meinen Nabel soll doch Franz Joseph eher leben als

Tudjman und Milosevic flüstert der ich

 

Dreh mich um nehme ein Bein aus der Decke

Strecke den Hintern nach Südost bette beide Hände

An der Wange und jetzt hab ich zu schlafen schon

Morgen muß ich einer Figur meines Romans

Hinterherschreiben die begehrt nicht schuld

Daran zu sein spät ist es für aufgeschriebenes Zeug denn

Unten auf der Straße kratzen die Schneeräumgeräte

Als ob Panzer darauf warten dann endlich holt mich der Traum

Entwürfe 18 - Erinnerung

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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