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entwürfe - Zeitschrift für Literatur
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Hanna Johansen, *1939, lebt in Kilchberg bei Zürich.
Letzte Veröffentlichung: «Halbe Tage, ganze Jahre», Erzählungen,
Hanser-Verlag, München-Wien 1998.

Hanna Johansen

Schreiben,
als schriebe ich nicht

Hans Magnus Enzensberger hat die Frage, in welcher Verfassung er sein müsse, damit ein Gedicht entsteht, 1995 ziemlich knapp beantwortet: «Das weiß ich nicht. Ein bißchen bekommt man ge schenkt, der Rest ist Arbeit.»

Und auf die Rückfrage, von wem es geschenkt werde:

«Sagen wir so, im Körper wird etwas ausgeschüttet. Das bio che mische Korrelat zu dem, was wir Eingebung nennen, sind Bo ten stoffe, die man als Endorphine bezeichnet. Man hat einen Flash. Der Anlaß, aus dem ein Gedicht entsteht, ist ein plötzlicher Flash. Der hat nichts mit Vernunft zu tun. Denn das Dichten ist doch eine absurde Tätigkeit. Wer will schon Gedichte haben? Die ge sellschaft liche Nachfrage nach Gedichten ist bekanntlich ge ring. Betriebswirtschaftlich gesehen ist das vollkommen uner giebig.»

Da wird so etwas wie ein Rauschzustand beschrieben, was die Ein gebung betrifft. Der gleiche Flash wirkt bei der Entstehung von Prosa. Aber was heißt, daß der Rest Arbeit ist? Bloß Fleiß und Ge schicklichkeit und Erfahrung? Wohl kaum. Wie die Arbeit sich ab spielt, interessiert mich, auch weil sie sich beim Schreiben von Prosa so lange hinzieht, so zermürbend sein kann und doch im mer von neuem an die Hand genommen werden muß.

 

Ist Schreiben also ein Rausch? Ach nein, möchte ich sagen, weil mir zuerst die Störungen in den Sinn kommen.

Wir meinen dann, es fiele uns nichts ein. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall, es ist ja immer viel mehr in unsren Köpfen, als wir verwenden können. Aber was auch immer wir herausgreifen, es erscheint unbrauchbar. Oder wir meinen umgekehrt, alles Mög liche sei relevant und müsse berücksichtigt werden, was nicht möglich ist. Weglassen ist das, was schwer fällt. Es macht aber einen wesentlichen Teil der Arbeit aus. Entscheidungen müs sen getroffen werden für das Richtige, und weil es das einzig Rich tige sein soll, fürchten wir uns vor der Entscheidung, denn sie kann falsch sein und in die Irre oder nirgendwohin führen. All die Sackgassen und Pannen und Über for derungen bei der Weiterarbeit sollen unerwähnt bleiben - wer kennt sie nicht?

Und wenn das alles ist, warum suche ich mir keine andere Ar beit? Eine, die den Menschen weniger vor den Kopf stößt, falls es das gibt? Weil es nicht alles ist. Weil etwas dabei ist, was ich an ders wo selten finde und mir wieder herbeiwünsche, wenn ich länger nicht geschrieben und mich mit anderen Dingen befaßt habe.

Vielleicht ist es die Erfahrung, daß trotz oder wegen all der Wid rig keiten, der Inkompetenzgefühle und der vertanen Zeit im mer wieder etwas zustande gekommen ist. Die Freude der Hand wer kerin am Werkstück also, wenn schließlich und schon fast wider Erwarten das Produkt eine Gestalt angenommen hat, an der sich nichts mehr ändern läßt, ohne das Gewebe zu zerreißen. Das Er geb nis mag fragwürdig sein, aber ich kann nichts mehr dafür tun, und so muß es für sich allein dastehen und sehen, wie es zurecht kommt. Diese Art von Loslassen ist einer der zwar nie ganz angst freien, aber erfreulichen Aspekte der Arbeit, wie es auch bei anderer Arbeit erfreulich ist, etwas fertiggestellt zu haben.

Zum andern aber, und das spielt wohl die noch größere Rolle bei dem Sog, den das Schreiben auf diejenigen ausübt, die einmal da mit angefangen haben, sind es die in ihrer Diffusität un be schreib lichen und möglicherweise tröstlichen Zustände, die sich einstellen, wenn es vorangeht. Oder umgekehrt: die sich eingestellt haben müssen, damit es vorangeht. Zustände, die von den einen als Rausch, von andern je nach Temperament als Trance, als Getrie ben sein, Besessenheit oder Konzentration beschrieben werden. Wie immer wir das nennen wollen, wir vergessen Hunger, Durst und Müdigkeit, und vor allem wissen wir nicht, wieviel Zeit ver gan gen ist, wenn wir unsere Umgebung wieder wahrnehmen. Ermüdet und erfrischt zugleich tauchen wir auf oder auch irritiert, weil wir gestolpert sind, und oft zieht es uns gleich wieder hinein.

Warum? Endorphine? Eine ungewohnte Zusammenarbeit beider Hirnhälften? Etwas Drittes? Alles miteinander?

Ich muß das nicht wissen. Es ist ein Zustand, wo die Dinge leben dig werden und sich selbständig machen, wo sie Beziehungen mit einander eingehen, in eine Richtung ziehen, Unerwartetes her an locken und anderes verstoßen, ohne daß ich mich ein mischen muß.

Daß erfundene Personen dergleichen tun, ist oft zu hören oder zu lesen. Das mag sein. Wichtiger scheint mir dieser Vorgang aber für die Vorgänge des Schreibens selbst, für die Art, wie sich Motive, Sätze, größere Strukturen, Rhythmen bilden und wie sie weiterzustreben scheinen, so daß wir unsere Kräfte und unsere gan ze Aufmerksamkeit brauchen, um ihnen zu folgen. Die Möglichkeit, das Tun zu kontrollieren, besteht kaum und wird auf spä ter verschoben. Die besten Zeiten beim Schreiben sind also die, wenn sich das Mögliche, dieses ständig zurückscheuende Mög li che, das so oft vom Unmöglichen kaum zu unterscheiden ist, zu sam menfügt, wenn es bereitwillig seinen innewohnenden Struk tu ren nachgibt und Gestalt annimmt auf eine Weise, die im voraus zu planen ich niemals imstande wäre. Ich nehme die Ge stalt dessen, was dann entsteht, auch nur teilweise wahr, und was ich an ihrer Struktur während der Arbeit verstehe, muß nicht notwendig das sein, was nachher oder tatsächlich von Anfang an ihren Charakter aus macht oder gar ihren Wert. Hauptkriterium ist ein geradezu ne bel haftes, aber um so entschiedeneres Be wußt sein davon, ob oder daß etwas so geht oder so nicht geht. Allem, was ich darüber hinaus zu wissen glaube, mißtraue ich, in aller Freundschaft, aber ich weiß, daß ich darauf nicht bauen kann. Das gilt, ob ich an einem Text ar bei te, der Satz für Satz aus dem scheinbaren Nichts herauswächst, oder an einem, der sich aus einem Wust von Vorarbeiten bilden soll.

Es muß bei aller krausen Überfülle im Kopf eine Leere entstehen, in die sich hineinschreiben läßt. Und was das Schreiben bemer kens wert macht, ist die Tatsache, daß man zwar mit Wörtern ar bei tet, aber auf die gleiche Weise aufhört, in Wörtern zu denken, wie es die tun, die in den andern Künsten arbeiten, oder wie es Einstein von seinem Denken beschreibt. Material sind zwar die Wörter, die Sätze, und das, was sie miteinander machen, aber nicht auf die Art, wie wir denken, wenn wir mit Wörtern denken.

Wenn wir sprechen oder einen Brief schreiben, sprechen wir über etwas. Literarische Texte entstehen nur, wenn wir ganz aufgeben, über etwas zu reden, es muß sich zeigen. In Literatur findet sich das, worüber sich nicht reden läßt. Ich bin überzeugt, daß es sich auch in dem zeigen muß, worüber man reden kann. Andernfalls wäre der Text tote Materie.

Übrigens vermute ich, daß auch Autorinnen, die Texte zu Sach themen verfassen, den angedeuteten Ausnahmezustand kennen und brauchen.

Die Frage ist, wie führen wir ihn herbei, diesen Zustand?

Manche sagen, man müsse aufstehen und herumgehen, was bei mir jedoch das sicherste Mittel ist, mich aus allem herauszureißen, was eine Vertiefung ins Schreiben erlauben würde.

Schiller ließ sich, wie man hört, aus einer leicht geöffneten Schub la de den Duft von faulenden Äpfeln in die Nase steigen, ein Mittel, das sich sehr wirkungsvoll anhört, für mich aber ungeeignet ist. Daß Gerüche und Geschmackskombinationen die Er innerung und das Schreiben fördern, wissen wir auch von Proust, und es über rascht nicht, denn der Geruchssinn ist der komplexeste, der sprach loseste und der einsamste von unseren Sinnen.

Anstelle der übelriechenden Äpfel, die mir Ekel statt der ent behr ten schöpferischen Energie verursachen, wollte ich mir «Cucumber and white Rose» hinlegen, eine Seife, an die ich seit langer Zeit fest glaube. Aber sie ist nicht mehr zu haben. Der Versuch, sie durch Rosenöl zu ersetzen, hat zu einer Allergie geführt, und mit bren nenden Augen, verstopfter Nase und einer Kopfhaut, die Juckreiz meldet, ist kein Schreiben möglich.

Was dann? Auf einem Zettel, der zwischen meinen Papieren immer wieder auftaucht, steht ein Satz von Epiktet: «Nicht die Din ge selbst sind es, die uns beunruhigen, sondern unsere An sich ten über die Dinge.» Ich kenne Lebensbereiche, wo ich das nicht gelten lassen würde, aber für die Mühen beim Schreiben gilt es.

Daraus folgt: ich vermeide, das, was ich tun will, für wichtig zu halten. Ich betrachte es als Rohfassung, als etwas, das vorläufig ist und immer noch, irgendwann später, geändert werden kann. Ich muß auch nicht darauf achten, ob es gut ist, es darf erst einmal sein, wie es will.

In dieser Einstellung kann ich mich bestärken, indem ich auf etwas schreibe, das eigentlich ins Altpapier gehört, auf kleine Zettel, auf Ränder, auf Rückseiten aller Art, als täte ich diesen Überbleibseln in ihrer Nutzlosigkeit einen Gefallen, wenn ich noch etwas auf sie kritzele und sie so vor dem vorzeitigen Untergang bewahre. Das ist gut gegen das beklemmende Gefühl, hier und jetzt etwas Gutes und womöglich Wichtiges machen zu müssen. Am schlimmsten sind gebundene, womöglich dicke oder gar schön gestaltete Hefte.

Zugleich will das Notieren allein dadurch, daß es nach etwas fast Unbrauchbarem greift, als notwendig erscheinen - nicht in der Welt, sondern im Rahmen meines Tuns. Auch das ist hilfreich gegen die innere Zensur, die immer auf der Lauer liegt, um jedes Schrei ben im Keim zu ersticken, und für unsere Blockaden verantwortlich ist.

Jedes Mittel ist recht, das mich für eine spielerische oder versessene Unternehmungslust freihält, jeder Zugang, der sie nicht durch zu enge Vorgaben fesselt oder durch zu große Offenheit ver dunsten läßt.

Und wenn ich am Schreibtisch sitze und die Gedanken nichts anderes wollen, als von dem wegzuspringen, was sie sollen, gibt es die Möglichkeit, eine Glasglocke über mich zu stülpen, die aus Musik besteht, einige wenige Arten von Musik, die mich vom Rest der Welt abschirmen und mit fast keinen Erinnerungen als denen ans Schreiben vollgesogen sind.

Nicht immer sind Gedanken, wenn sie von dem wegspringen, was sie tun sollten, eine Konzentrationsstörung. Es kann sein, daß sie eine Richtung andeuten, in der das Weiterarbeiten sinnvoller ist als da, wo ich es mir vorstelle. Wenn ich mich nach ihnen richte, kann genau das den einen Augenblick oder auch längeren Zeit raum des konzentrierten Schreibens bewirken, auf den wir Schrei benden aus sind.

Und schließlich gibt es noch die eine Situation, in der ich zwar nie das zustandebringe, was ich mir vorgenommen habe, wo mir aber schon vieles von dem, was später gedruckt erscheint, un ver hofft zugefallen ist, wo ich, wenn ich nur einen Satz notieren will, am Ende einen ganzen Stapel von Zetteln einpacke, die sich mit meiner Hilfe von selbst beschrieben haben. Aber dieses erstklassige Hilfsmittel, den unwiderstehlichen Vorgang des Schreibens her beizuführen, sollte ich besser nicht verraten, weil mittlerweile in den Eisenbahnen schon in großer Zahl Menschen sitzen, die sich diesen Zustand zwischen hier und da, zwischen einsam und begleitet, zwischen Hinausschauen und nach innen Hineindenken, zwischen Ruhe und Gewiegtwerden, zwischen Wollen und Nicht wol len, zwischen Präsenz und Trance zunutze machen, um auf ihren Notizblöcken, A-4-Blättern oder Laptops Meisterwerke zu ver fassen, und ich zweifle nicht, daß ihnen das gelingen wird.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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